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Trainieren im Schlaf: Erfahrungsbericht Höhenzelt

Noch vor einer Woche bestand meine Abendroutine darin, auf einer App einzustellen, auf welcher Höhe ich heute schlafen würde. Dann begann der Generator leise zu arbeiten. Ein sanftes „tschtsch“. Und mit jedem Atemzug wurde die Luft im Schlafzimmer ein wenig dünner. Vier Wochen lang schlief ich im Basecamp meiner eigenen vier Wände.


 

Höhentraining ist im Profisport keine Neuigkeit. Viele setzen darauf. „Sleep high, train low“ gilt als Goldstandard: oben schlafen, weiter unten trainieren. Wer den Effekt wirklich spüren will, sollte rund 400 Stunden in der Höhe verbringen. Das bedeutet Zeit und Geld. Vier Wochen im Engadin, das ist ein Commitment. Und selbst dann bleibt eine Frage offen: Reagiert der Körper überhaupt? Ist man ein sogenannter „Responder“? Oder eben nicht? Für mich kam ein längerer Aufenthalt in der Höhe schlicht nicht infrage. Also suchte ich nach einer Alternative.

 

Und so begann die Recherche nach einem Höhenzelt, und ich fand eine Möglichkeit, dieses für vier Wochen zu mieten. Bevor es losging, machte ich ein Blutbild. Ziel war es festzustellen, ob mein Körper genügend Eisenreserven hat, um den Höhenreiz zu verkraften und mehr rote Blutkörperchen zu produzieren. Also ein vorher/nachher-Vergleich schwarz auf weiss zu haben.

 

Der Aufbau war unspektakulär. Nach gut einer Stunde stand das Basecamp. Ein Zelt, ein Schlauch vom Generator durch das gekippte Fenster, ein leises Surren im Hintergrund. Die erste Nacht war vor allem eines: technisch. Mit welcher Höhe beginnt man? Wie die Ausgangshöhe meines Wohnortes berücksichtigen? Wie reagiert der Körper?

 

Ab der zweiten Nacht schliefen meine Freundin und ich auf etwas über 1300 Metern. Der Plan war klar: langsam steigern und dem Körper Zeit geben, sich anzupassen. Die ersten Nächte verliefen ruhig, beinahe unspektakulär. Der Schlaf war stabil, der Ruhepuls normal, kein Gefühl von wirklicher Belastung. Mit jeder Anpassung der Höhe veränderte sich jedoch etwas. Als wir uns schrittweise der Marke von 2000 Metern näherten und sie schliesslich überschritten, wurde der Unterschied spürbar. Nicht dramatisch, aber deutlich genug. Der Schlaf wurde leichter, und ich wachte häufiger auf. Trotz täglichem Lüften blieb die Luft im Zelt stickig. Der Schlauch vom Generator führte vom Balkon ins Schlafzimmer, was bedeutete: offenes Fenster und hohe Feuchtigkeit im Zeltinneren.


 

Jeden Abend stellte ich die Höhe neu ein, kontrollierte den Sauerstoffgehalt mit einem externen Messgerät und beobachtete, wie der Körper reagierte. Nach vier Wochen wurde das Zelt wieder abgebaut. Der zweite Bluttest zeigte: Ich bin ein moderater Responder. Rund 2 g/L mehr Hämoglobin, eine messbare Anpassung. Keine Sensation, aber ein klares Indiz. Meine Freundin – hier auch als Kontrollgruppe zu verstehen – reagierte etwas geringer. Auch das passt zur Studienlage: Die individuelle Antwort auf Hypoxie ist unterschiedlich. Für einen ersten Höhenblock ist das Resultat zufriedenstellend.

 

Trotzdem habe ich das Zelt zurückgegeben. Nicht, weil es nichts gebracht hätte, sondern weil ich noch nicht sicher bin, ob es langfristig mein Weg ist. Studien zeigen, dass eine positive Reaktion in einem ersten Block kein Garant für denselben Effekt im zweiten ist. Zudem bleibt die Frage der Schlafqualität, gerade im Sommer, wenn höhere Temperaturen die nächtliche Regeneration zusätzlich erschweren.

 

Am Ende bleibt es ein Balanceakt. Der schmale Grat zwischen maximalem Reiz und ausreichender Erholung ist im Profisport entscheidend. Je höher das Niveau, desto dünner die Luft, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Es geht um die letzten Prozent. Und darum, sie herauszuholen, ohne dem Körper mehr abzuverlangen, als er bereit ist zu geben.

 
 
 

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